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Was war 2017?

Wonder Women

Die ersten drei Monate des Jahres war ich in Tschechien in der Gemeinschaft, in der ich seit Jahren versuchte, Aufnahme zu finden. Aber wie immer passierte eines Tages etwas, was mich total heraushaute. So landete ich wieder zurück in der Welt. Erstmal ging ich Freunde besuchen, um mich von dem Schock, es mir wieder einmal verpatzt zu haben, zu erholen.

Dann besuchte ich nach fünf Jahren auch wieder einmal meine Mutter. Es war diesmal sehr nett und ich durfte das Haus für eine Woche hüten, während sie nach Amerika reiste. In der Woche bekam es mir ganz gut, alleine zu sein und so rang ich mich durch, mir etwas zum Wohnen zu suchen. Ich sah mir zwei Möglichkeiten an. Das eine wäre eine Einliegerwohnung nicht weit von meiner ursprünglichen Heimat entfernt, das zweite war ein Zimmer in einer WG in der Stadt, in der meine damals 103 Jahre alte Großmutter lebte. Da der Vermieter der Einliegerwohnung mir absagte und die Vermieterin der WG mir zusagte, machte ich einen Mitvertrag mit ihr. Es war für mich ein äußerst seltsames Gefühl, einen Mietvertrag zu unterschreiben, nachdem ich jahrelang kostenlos eingeladen war. Es war dann auch alles irgendwie nicht so wie ich es gewohnt war. So durfte ich nicht zwei Tage vorher rein, weil sie noch saubermachen wollte, so dass ich mir wieder wie gehabt eine andere Lösung suchen musste. Und am Tag an dem ich einziehen sollte, war ich dann noch bei einem Freund. Am nächsten Tag, als ich zur WG hinfuhr, hatte ich in einer entfernten Stadt etwas zu erledigen. So hielt ich mich maximal eine halbe Stunde in meinem neuen Zimmer auf und fuhr dann in besagte Stadt, wo ich ein Dokument abholte. Doch während der Fahrt als auch in dem Moment, in dem ich das Dokument in die Hand bekam, fühlte ich einen großen Druck am rechten Auge. Etwas, was ich so nicht gekannt habe und was mir äußerste Sorgen bereitete. Ich musste an das Sprichwort, dass etwas ins Auge geht denken.

Ich wusste nicht mehr weiter. Ich ging zum Bahnhof in besagter Stadt und fragte mich, was tun. Mein Blick fiel auf ein T-Shirt mit der Aufschrift „London Paris New York“. Und neben mir standen auf dem Boden Worte auf französisch Ich überlegte nicht lange, sondern setzte mich in den nächsten Zug in Richtung Frankreich. Und ich hatte Glück, denn ich kam mit zwei Zügen und recht wenig Geld nach Paris. Von dort reiste ich weiter bis ins Baskenland wo ich den Jakobsweg startete, den ich drei Wochen lang ging (ich habe darüber berichtet).

Auf dem Weg zurück hätte ich in einen Bus nach Paris einsteigen können, aber es kam anders. Eine Frau wollte mich einladen, auf dem Ticket ihrer Tochter kostenlos mitzufahren, das sie schon bezahlt hatte, weil ihre Tochter nicht mitfahren konnte. Der Fahrer jedoch willigte nicht ein, sondern wollte von mir den normalen Preis fürs Mitfahren haben. Der Preis schreckte mich ab und so kam es, dass ich statt in mein angemietetes Zimmer wirklich einzog, herumzog wie gehabt.Ich entdeckte dann Orte, versuchte immer wieder mal trotz großem Verbot eine der Gemeinschaften in Frankreich oder Spanien zu besuchen, aber es gab kein Pardon: ich hatte ein Jahr Sperre zu überbrücken. Doch da ich irgendwie nicht verstanden hatte, was eigentlich passiert war, zog es mich dort wieder und wieder hin, um mir eine immer deutlichere Abfuhr erteilen zu lassen.

Sogar nach Tschechien fuhr ich wieder, diesmal mit dem Bus. Von meiner Mutter hatte ich Geld geschenkt bekommen und es diesmal auch angenommen. Danach führte mich mein Weg in die Schweiz, wo ich bei einem Menschen zu Besuch war, den ich aus dem Internet kannte und schon einmal besucht hatte. Er nahm mich ganz lieb auf. Als ich die Botschaft vom Tod meiner Großmutter empfangen hatte, versuchte ich noch am gleichen Tag zu meiner Mutter nach Deutschland zu fahren. Doch kaum war ich in den Zug in Deutschland eingestiegen, überkam mich ein Gefühl, als würde mir all meine Lebensfreude geraubt. Ich fühlte mich genau so wie in „Tim Taler und das gestohlene Lachen“ . Es war schrecklich. Kurz darauf bekam ich Atemnot und ein Gefühl der Enge um die Brust. Ich meinte, ich würde sterben. Da stieg ich lieber aus und fuhr zurück in die Schweiz.

Ich unternahm dann noch zwei weitere Versuche, nach Deutschland zu fahren, wurde jedoch jedes Mal gehindert. Einmal traf ich einen Menschen ohne Zuhause mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Grenze. Er habe dort an der Brücke übernachtet und wollte ursprünglich auch nach Deutschland, aber er hatte entschieden, es zu lassen. Denn seine Mutter hatte ihn angezeigt und wenn er nach Deutschland führe, würde er wahrscheinlich verhaftet. Er lebte viele Jahre lang in meiner Heimatstadt, wo er verheiratet gewesen war. Und auch sonst gab es viele Parallelen zu meinem Leben. Er wollte mich dann mitnehmen in seine Höhle, in der er gewöhnlich in einem Grenzort übernachtete. Doch ich wollte wenn, dann lieber zu dem Freund zurück, bei dem ich gerade gewesen war.

Bei einem dritten Versuch landete ich mit dem Bus immerhin in einer Grenzstadt in Deutschland. Dort traf ich auf dem Busbahnhof einen Afrikaner aus dem Kongo, der in Rom lebte und falsch ausgestiegen war, da er kein deutsch sprach. Als ich ihm die Stadt zeigen wollte, hing dort ein Plakat mit der Aufschrift „Nachts kommen die Mörder“. Es brachte mich dazu, mich mitsamt dem Menschen aus dem Kongo in der Schweiz in Sicherheit zu bringen, indem ich mit ihm in die nächste S-Bahn einstieg. Wir verbrachten die Nacht zusammen mit einem weiteren Gesellen, der seinen letzten Zug verpasst hatten vor dem Bahnhof und legten uns auf einem Betonblock. Am Morgen suchten wir eine Verbindung mit dem Bus nach Rom, aber ich konnte ihm irgendwann gar nicht mehr helfen. Es war alles zu kompliziert. Da setzten wir uns an ein paar Bänke im Bahnhof neben eine Frau, die wie er italienisch sprach und uns erzählte, sie führe mit dem nächsten Zug nach Mailand. Wunderbar, die Rettung! Er kaufte sich ein Ticket und ich begleitete ihn noch bis zum Zug.

Am Ende fuhr ich dann selbst wieder nach Frankreich, das ja lange genug meine Wahlheimat gewesen war. Ich besuchte die Dame, bei der ich mein Zeug vor mehr als drei Jahren untergestellt hatte, als ich meinen Wagen aufgab. Damals hatte ich angenommen, dass ich bei der Gemeinschaft bleiben würde, was dann doch nicht der Fall gewesen war. Sie hatte mittlerweile alles verschenkt bis auf meine selbstgeschriebenen Bücher, die immerhin mindestens eineinhalb Regalmeter füllten. Ich war nicht begeistert, hatte aber erwartet, dass gar nichts mehr da war. Also war ich dankbar wenigstens noch meine selbstgeschriebenen Bücher vorzufinden. Sie wollte eigentlich noch mit mir reden, aber mich zog es einfach wieder weg, zurück ins Baskenland. Diesmal langsam. Ich trampte ein wenig und lief dann fast täglich noch ein Stück des Jakobswegs entlang, den ich vor vielen Jahren mal mit dem Fahrrad gefahren war.

Die ganze Zeit lernte ich liebe nette Menschen kennen, die mich zu sich einluden, vor allem alleinstehende Frauen mit ihren Kindern, die sich von den Vätern getrennt hatten. Bei einer gab es einen Swimmingpool, in dem ich baden und ein Tipi, in dem ich übernachten durfte, bei den nächsten ein Meditationszentrum, in dem ich etwas mithelfen durfte, bei den dritten Esel und und und. Ich war glücklich. Und bei allen wurde ich ganz freundlich aufgenommen.

Eigentlich wollte ich die ganze Zeit nach Portugal, aber irgendwie kam es nie dazu, weil ich es nicht schaffte, mich aus dem Bannkreis der Gemeinschaft komplett zu entfernen. Und als ich mal in einem Bus saß, der eigentlich nach Portugal fuhr, stieg ich abrupt in der Stadt in Spanien aus, bis zu der ich auf dem Jakobsweg gelaufen war und sagte mir „ich kann nicht mehr!“. Ich wollte und konnte nicht mehr so herumreisen. Es ging nicht mehr.

Ich begab mich in einen Telefonladen wo ein Zettel mit dem Angebot eines Zimmers in einer WG hing. Ich rief an. Es war keine fünf Minuten entfernt. Ich nahm es. Und blieb zwei Wochen. Statt nur einer halben Stunden wie in meinem ersten Zimmer immerhin schon zwei Wochen. Das erste Zimmer in Deutschland hatte ich inzwischen schweren Herzens wegen Nichtbenutzung wieder gekündigt. Es war mein erster Versuch gewesen, wieder in Deutschland Fuß zu fassen. Aber an der doch recht teuren Miete für ein Zimmer, der Tatsache, dass ich dann krankenversicherungspflichtig geworden wäre und nochmal 175 Euro hätte zahlen müssen als Mensch ohne Einkommen, also fast 500 Euro, nur um legal in Deutschland zu sein, hatte mich abgeschreckt. Vor allem, weil ich gar nicht so genau wusste, ob ich das überhaupt wollte. Frankreich mit seiner kostenlosen Krankenversicherung für Menschen wie mich, war da einfach wesentlich attraktiver. Noch dazu, wenn mich keiner dazu zwingt, sie zu benutzen und ich auf der anderen Seite die Sicherheit habe, dass ich sie beantragen kann, wenn ich sie brauche. Das kommt meiner Lebenseinstellung einfach erheblich entgegen.

Es dauerte aber nicht lange an meinem neuen Lebensort, da bekam ich wieder einen Rappel und unternahm einen Versuch, nach Tschechien zu fahren. Ich kam in Frankreich bis zu einem Ort unweit der deutsch-schweizerischen Grenze. Ab da wollte ich nicht weiter. Auf dem Bahnhof lernte ich zwei nette Menschen kennen, von denen mich einer zu sich einlud. Er lebte von seiner Frau getrennt, bei der wir anlässlich eines Feiertages zum Essen gingen. Die Kinder waren auch da und wir hatten eine gute Zeit mit Stadtrundgang, Einladung zum Kaffee und allem drum und dran. Er half mir die nächsten Tage, an seinem Computer meine 4000 Fotos von meinem Tablet runterzuladen, die sich die letzten Jahre angesammelt hatten. Die Frucht davon war dann auf meinem Blog durch erstmalige Einträge mit Fotos zu bewundern. Ein großes Dankeschön an meinen Helfer!

Ich fuhr dann wieder zurück, um es später noch einmal mit einer Fahrt nach Tschechien zu versuchen, weil ich dort etwas zu erledigen hatte. Diesmal lud mich eine Frau zu sich ein, die neben mir im Bus saß. Von ihr lernte ich unglaublich viel. Ich erzählte ihr von meinen Ängsten und sie erzählte mir ihre Geschichte wie sie als Kind Angst vor Wasser bekommen hatte. Und dass sie ihr Leben dann damit zubrachte, diese Angst zu überwinden. Ihre Tochter studierte Meeresbiologie und gab ihr dazu allen Anlass.

„Ich habe mich ganz konkret mit meinen Ängsten konfrontiert, um sie dann zu überwinden. Ich habe einen Tauchkurs gemacht und jedes mal Blut und Wasser geschwitzt, wenn ich ins Wasser gehen sollte. Aber ich habe meine Ängste besiegt.“

Sie war auch in der Flüchtlingshilfe aktiv. Bot mir wie zwei andere Menschen in Frankreich an, mich bei ihr anzumelden. „Wir müssen unsere Feinde kennen, um uns zu wehren und um sie zu besiegen.“

Von ihr aus nahm ich einen Flieger nach Tschechien nachdem ich über zehn Jahre nicht mehr geflogen war. Die Busreisen machten mich einfach müde. Es war das reinste Abenteuer. In Tschechiens Hauptstadt lernte ich dann auch wieder Leute kennen, die mich zu sich einluden, aber erstmal war ich ein paar Tage im Hostel. Nach langer langer Zeit mal wieder. Dann fuhr ich nochmals bei der Gemeinschaft vorbei, wo ich wieder weggeschickt wurde, aber endlich endlich eine Erklärung bekam warum. Und das gab mir Frieden.

Einen Moment verbrachte ich in einem der Kurorte nicht weit von der Grenze entfernt. Ich sah dort Menschen als Ehepaare und in Familien um mich herum sitzen, stehen und laufen.Ich sah plötzlich, dass es eigentlich nicht normal war, alleine zu sein. Und dann in einem Schaufenster den Satz „it’s always better, when we’re together.“

Es war der 22. September. Am 23. September sollte ja wieder mal die Welt untergehen. Nicht dass ich wirklich daran geglaubt hätte, da für mich all diese Aussagen irgendwelcher Daten von Dämonen her stammen. Aber ich dachte bei mir „Wenn jetzt die Welt unter geht, wo möchte ich dann sein?“ Und ich wollte nicht mehr alleine an irgendeinem Ort der Welt sein. Ich wollte bei meinen Freunden sein. Ich wollte an dem Ort sein, wo ich die meisten Freunde hatte. Und so setzte ich mich in den nächsten Zug und fuhr dorthin.

Und wurde herzlich begrüßt, als ich gerade zum Konzert in den freien Raum kam, in dem ich in der Regel viele meiner Freunde treffe. Und bei meiner Freundin, bei der ich meistens bin. Und und und. Ich blieb. Ich blieb, auch wenn es schwer wurde. Auch wenn ich eigentlich wieder wegwollte, weil ich es so gewöhnt bin wegzugehen, wenn der Schmerz zu groß wird. Aber ich habe ja gesehen, dass es zu nichts führt im Endeffekt außer zu einer Reihe von unendlich großen Glücksmomenten.

Dann ging ich auf die Krankenkasse und hörte, dass sie dort 9000 Euro von mir wollen, falls ich mich wieder versichern „will“, weil ich die letzten Jahre nicht versichert war. Nachzahlung für vier Jahre, obwohl ich in Frankreich das Recht auf eine kostenlose Krankenversicherung hatte und dieses freiwillig nicht geltend gemacht habe.

Ich sage mal: wer mich unterstützen möchte, dass ich weiterhin als freier Mensch egal wo auf der Welt (und somit auch in Deutschland) leben kann, ist herzlich willkommen, mir eine Spende zukommen zu lassen. Soweit bin ich inzwischen gekommen. Ich mache ein wenig tabula rasa und sehe, das Leben so wie ich es führe ist auf Dauer nicht tragfähig. Es ist ein Zuschussbetrieb, den ich mir so in dieser Form ohne Einnahmen zu generieren nicht mehr so recht leisten kann, denn auch wenn ich mit möglichst wenig Geld gelebt habe, irgendwas gab ich doch aus. Und: ohne Wohnung zu leben ist auch nicht mehr mein Lebensziel oder Sinn und Zweck.

So habe ich die letzten Monate damit verbracht, mich über die örtlichen Hilfsorganisationen zu informieren, die einem zumindest theoretisch helfen wollen, ohne jedoch wirklich einen Schritt weitergekommen zu sein, da man bei ihnen ja nur von einer Stelle zur anderen geschickt wird. Und irgendwie will ich das ja auch nicht so recht.

Deswegen sage auch ich jetzt nach neun Jahren ohne Einkommen und finanzielle Unterstützung: Spenden sind schließ- und endlich auch bei mir willkommen. Schreibt mich dazu einfach an. Soweit einen Spendenbutton zu produzieren, bin ich noch nicht gekommen. Es sei Euch gedankt.

Und nun wünsche ich Euch allen ein gesegnetes, friedvolles Neues Jahr! Mögen all Eure Wünsche in Erfüllung gehen…

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Auf dem Weg zurueck

Ich packte es dann, obwohl die beiden offenbar sehr traurig waren, dass ich ging. Wie ueberhaupt ueberall wo ich war mich die Leute gar nicht gehen lassen wollten.

Die zweite Frau, die mich mitnahm, fragte mich nach meinem Leben .

„Sie sind frei! Wir sind ja Sklaven, mit den Kindern, der Arbeit und allem. Das, was Sie leben ist die Freiheit. Ich freue mich, dass ich Sie kennengelernt habe. Da weiss man, dass es auch weitergeht, wenn es mal nicht mehr geht…“

Der naechste war ein netter Herr, der sieben Jahre bei der Fremdenlegion war.

„Tahiti. Da traf ich auch einen Mann, der von der SS war. 1982. Er fragte mich, ob ich Deutscher bin. Ich verstand nicht, warum er zur SS gegangen ist.“

Zum Abschied drueckte er mir einen Fuenf-Euro-Schein in die Hand, um mir was Warmes zu trinken zu kaufen. Ich kam an dem Tag bis genau zur selben Stelle wie letztes Jahr am zweiten Tag. Hier hatte ich mich unterkuehlt, was mir dann eine Erkaeltung bescherte. Ich ging an demselben Platz vorbei und verknackste mir den Fuss, aber es war nicht weiter schlimm. Beim Spaziergang durch die Stadt fand ich ein paar leere Huetten fuer den Weihnachtsmarkt, die offen waren und Leckereien von einer Baeckerei. Dabei traf ich einen aelteren Herrn, der sich ebenfalls damit versorgte. Ich setzte mich in den Bahnhof, um zu schreiben. Draussen lag auf einigen Autos noch Schnee.

Am naechsten Tag kam ich mit einigen laengeren Wartezeiten bis zu einer dieser wirklichen Grosstaedte. In einem Einkaufszentrum fand ich zwar Internet fuer’s ipad, aber keine Toilette. Die waren schon geschlossen. Man schickte mich zum Fastfoodrestaurant. Dort sass eine Farbige vor den Toiletten.

„Konsumieren Sie erst etwas bevor Sie die Toiletten benutzen!“ fuhr sie mich an. Natuerlich weigerte ich mich und ging veraergert davon. Beim Surfen im Internet sprach mich ein Menschenbuerger an, der mir eine Schlafstelle zeigen wollte. Bloss: was er mir anbot war mir zu dreckig und ungemuetlich. Irgendwann verabschiedete ich mich von ihm. Den naechsten traf ich auf der Strasse sitzend an. Er hatte den letzten Zug verpasst und war gezwungen, irgendwo zu uebernachten. Wir schliefen ganz gut in einem Wohnhaus, dessen Tuer offenstand. Wir wachten frueh auf, doch nicht frueh genug, denn zwei Bewohner liefen an uns vorbei zum Parkplatz, fuenf Minuten bevor wir alles zusammengepackt hatten. Er lud mich zum Fruehstueck in ein Café ein, wo wir mehrere Stunden verbrachten.

„Ich wohne seit zehn Jahren in einem Mobil-Home auf einem Campingplatz. Bei uns kommen auch viel Deutsche vorbei.“

Ich bekam zwei riesige Croissants und ein Pain au chocolat. Dazu trank ich sage und schreibe drei koffeinfreie Kaffee. Er trank derweil Weisswein.

Schliesslich pachte ich es dann doch und machte mich weiter auf den Weg. Ich kam gerade an der Ampel an, an der ich letztes Mal losgetrampt war, da machte mir einer ein Zeichen, ich moege zu ihm kommen. Er fuhr ein gutes Stueck weit und liess mich an einer Raststaette raus. Es regnete mittlerweile in Stroemen, genau wie sie es angesagt hatten. Eine junge Frau versuchte ebenfalls, auf der Raststaette zu trampen.

„Ich stehe schon lange. Es geht hier schlecht.“

Ich stellte mich an den anderen Ausgang. Ein paar Marokkaner sprachen mich gleich an.

„Wir koennen dich mitnehmen.“

Sie fuhren in meine fruehere Wahlheimat. So ging ich gleich zu Mehdi, der allerdings nicht aufmachte. Ich wartete am Parkhaus in der Naehe, da es immer noch regnete. Eine Frau gab mir sogar zwei Euro, weil hier normalerweise immer Bettler stehen. Schliesslich kam auch Mehdi. Er freute sich, mich zu sehen. Es war jedoch gerade ein Freund aus Algerien bei ihm zu Besuch, der mich ein wenig nervte. Die Wohnung war fuer drei einfach zu klein. Mehdi war seit ein paar Monaten ohne Arbeit und verbrachte seine Zeit auf der Suche nach Frauen im Internet.

Als ich beim Selbstbedienungsrestaurant vorbeischaute, um zu sehen, ob jemand dort war, den ich kannte, sah ich den iranischen Fensterputzer und setzte mich zu ihm. Er laberte mich Stunden mit seinem ganzen Schmonz voll. Er hatte all sein Geld nach Australien gebracht, wo er gerne hin auswandern wollte.

„Aber jetzt muss ich noch zwei Jahren in Frankreich bleiben, sonst wuerde ich gecatcht wegen Steuerhinterziehung.“

Und das, weil er dort mehr Zinsen bekommt. Er war schon zwei mal fuer sechs Wochen in Australien gewesen; einmal davon, um eine Internetbekanntschaft zu heiraten, was er dann doch nicht tat.

„Gestern habe ich meine Wohnung verkauft. Ich will mir eine Wohnung mieten und Wohngeld beantragen.“

Ich rastete kurzerhand aus.

„Du willst Wohngeld beantragen, wo du dein Geld beiseite geschafft hast, damit du mehr Zinsen bekommst?“

Noch dazu meinte er, sein Ziel waere, eine Frau fuers Leben zu finden und das, wo er mich nicht einmal zu etwas zu trinken eingeladen hat. Er selbst sass ja auf dem Trockenen. Es war jedenfalls alles zu viel fuer mich und wenn ich anfing, ihn zu hinterfragen, nahm er es als Kritik auf.

„Ich habe dich nicht nach deinem Rat gefragt!“

„Warum erzaehlst du mir denn dann das alles?“

Er begann, mich zu beschimpfen, mit welchen Leuten ich verkehre, stand auf und ging. Besser fuer mich, denn ich war echt an meiner Grenze angelangt.

Ich trampte am naechsten Tag weiter, allerdings so spaet, dass ich nicht so weit kam, um Leute zu besuchen, die ich kannte. Mein Fahrer setzte mich in der Naehe des Bahnhofs einer mir kaum bekannten Stadt ab und ich spazierte durchs Stadtzentrum. Irgendwann stiess ich auf eine Gruppe von Strassenmusikern, die gerade vor einem Restaurant spielten. Sie kamen zu mir und spielten ein Lied fuer mich, bevor sie mich einluden, mit ihnen zu kommen. Sie hoerten allerdings bald auf zu spielen und fragten mich, ob ich schon wisse, wo ich schlafe. Ein spanischstaemmiger Typ lud mich zu sich ein.

„Da hast du ein Zimmer fuer dich. Ich lebe in einem Haus. Mein Cousin holt uns ab.“

Wir gingen noch zur Wohnung, in der drei der Musiker wohnten, bis uns der Cousin abholte. Danach holten wir gemeinsam meinen Rucksack, den ich unterwegs hinter einem Gebaeude abgestellt hatte.

„Witzig“, meinte Pablo, „ein Cousin von mir wohnt keine fuenfzig Meter von hier entfernt. Ich habe zwei Cousins hier. Einer ist gerade bei mir und der andere wohnt hier.“

Diego, der auf Arbeitsuche hier war, weil es gerade in Spanien keine Arbeit gibt, erzaehlte mir am naechsten Morgen mehr aus Spanien.

„Viele Menschen verlieren derzeit ihre Haeuser und Wohnungen, weil sie die Hypotheken nicht bezahlen koennen. Ich bin auch dabei, mein Haus zu verlieren. Jetzt wuerde ich auch kein Haus mehr kaufen, sondern lieber eines mieten. Da kann man gehen, wenn man nicht mehr bleiben will. Aber dass man zulaesst, dass die Menschen auf die Strasse gesetzt werden, ist fuer mich unverstaendlich. Der Staat ist fuer die Banken und nicht fuer die Leute. Fuer mich sollten die Menschen an erster Stelle stehen und nicht das Geld. Europa ist fuer mich etwas ganz Schlechtes.“

Pablo kam mit Cowboystiefeln und im Bademantel ins Wohnzimmer. In bezug auf seine Cowboystiefel meinte er:

„Cowboystiefel habe ich schon als Jugendlicher entdeckt und keine anderen Schuhe mehr getragen.“

Ich machte mich derweil in Haus und Garten nuetzlich, wo es Unmengen zu tun gab.

Einmal ging ich mit den Musikern zusammen auf Tour durch die Stadt und sammelte Geld fuer sie ein, aber es machte mir nicht sehr grossen Spass. Sie hielten auch staendig an, um Bier zu besorgen, zu rauchen oder zu trinken. Wie ich erfuhr, waren alle ausser Pablo fuer kuerzer oder laenger im Knast gewesen, aber sie waren trotzdem nett, wenn sie nicht zu viel getrunken hatten. Alle ausser einem Ungarn, der sich grundsaetzlich nichts von Frauen sagen lassen wollte und deshalb in staendigem Konflikt mit mir stand.

Pablo stellte mich jedem als seine Verlobte vor.

„Du kannst bleiben solange du willst. Wenn du willst, dein ganzes Leben“, pflegte er zu sagen. Und: “Ich freue mich, dass du hier bist.“ Ich fuehlte mich auf jeden Fall gleich bei ihm wie zu Hause und mit seinem Cousin verstand ich mich auch so gut, dass er meinte:

„Michelle, ich moechte, dass du bleibst.“

Also blieb ich. Ich verschte einmal, zurueck zu Mehdi zu trampen, da ich meine Regenklamotten bei ihm vergessen hatte, aber weil es regnete, kam ich nicht entsprechend voran und kehrte auf halbem Weg um. Inzwischen hatte ich auch einen gelben Micky Mouse Regenponcho fuer Kinder als Ersatz gefunden.

„Findest du mich lustig?“ fragte Pablo mehrmals.

„Ich finde dich sehr lustig, aber deine Haare wuerden gerne einmal gebuerstet werden, sonst siehst du bald aus wie ein Rasta.“

„Ich bin gerne ungebuerstet. So meinen die Leute, ich waere ein Zigeuner. Es gefaellt mir, wie ein Zigeuner auszusehen. Ich buerste meine Haare nie.“

Als ich einmal mit Pablo kurz zu seinen Musikerfreunden gegangen war, traf ich einen Bekannten von ihnen auf der Strasse, den ich gerade in ihrer Wohnung begruesst hatte.

Er fragte:

„Du bist nicht dageblieben?“

„Nein, sie trinken. Aber du auch nicht?“

„Ich habe eine Freundin. Und man kommt irgendwann an den Punkt, an dem man sich zwischen Bier und seiner Freundin entscheiden muss.“

Am naechsten Tag erzaehlte mir Pablo, dass seine letzte Freundin nicht wollte, dass er mit dem Ungarn spielt.

„Sie wollte nicht, dass ich auf der Strasse spiele. In Bars schon. Und das ist immerhin sechs Monate her. Ich war 32 Jahre mit der Mutter meiner Kinder zusammen.Und ich haette nie gedacht, dass ich eines Tages alleine dastehe.“

Als wir eine Freundin von ihm besuchten, fragte sie nach der Begruessung:

„Was haelst du davon, wenn homosexuelle Paare Kinder haben; das heisst, sie adoptieren duerfen?“

„Darueber habe ich gerade heute nachgedacht. Ich finde es gut. Das waere sehr heilsam fuer alle.“

Spaeter erzaehlte mir Pablo, dass er mit ihr zusammen in der Klinik war.

„Auch sie hatte eine Depression und kam oft in mein Zimmer. Sie hatte einen Wasserkocher, den man nicht benutzen durfte, aber ich hatte meinen Schrank abgeschlossen und so machte ich dort Kaffee fuer alle. Es hielten sich immer viele Leute bei mir auf. Ihr Freund will allerdings nicht, dass sie trinkt, aber wenn er nicht da ist, trinkt sie ein wenig.“

Zu mir gewandt sagte sie:

„Pablo ist mein einziger Freund. Ich rede sonst mit niemandem. Kommt doch nochmal vorbei.“

Als ich ihr erzaehlte, dass ich zur Zeit weder rauche noch trinke, meinte sie:

„In fuenf Jahren bin ich auch so weit wie du.“

Im Internet entdeckte ich die Seiten von Christoph Fasching und begann, sein 40-seitiges Zukunftsszenario zu studieren. Ich war damit vollkommen einverstanden. Es war unglaublich postiv.

Pablo sagte, ich haette ihn geheilt und auch sein Cousin bestaetigte mir, dass es ihm nun viel besser gehe, seit ich da waere. Erstaunlich fuer mich war, dass er auf mich hoerte und Dinge tat, die ich vorgeschlagen hatte, wie zum Beispiel das Auto zu saugen, in dem noch die Fenstersplitter vom letzten Einbruch lagen oder eine Milch fuer uns zu kaufen statt mich zum Kaffee einzuladen… Er fand es gerade toll, dass ich ihm Auftraege gab, was er tun soll.

Eines Abends spielte er mit zwei Magnetkugeln. Sie naeherten sich einander an, um dann zusammenzukleben.

„Wenn beide positiv sind, stossen sie sich ab, aber wenn einer positiv ist und der andere negativ, ziehen sie sich an.“

Einmal besuchten wir zu dritt eine Lehrerkollegin. Sie tranken zusammen eine Flasche Wein und waehrend Diego mit unserer Gastgeberin draussen eine rauchte, ueberredete Pablo ihre Tochter auf charmante Art, dazubleiben.

„Komm, bleibe bei uns. Hoere dir nur ein Lied an, dann lasse ich dich in Ruhe.“

Genauso wie er mich zu allem Moeglichen ueberredete und genau wie viele Eltern ihre Kinder zu Dingen bewegen, die gar nicht deren eigenem Willen entsprechen. Ich sprach spaeter mit ihm ueber die Sache und er verstand mich auch, zumindest zeitweise.

Einen Tag unternahmen wir eine Tour in ein kleines Staedtchen in der Umgebung, wo wir eine seiner Ex-Freundinnen von vor langer Zeit besuchten. Sie war gerade knapp dem Tod entgangen, da sie wohl so etwas wie einen Darmverschluss hatte, der von ihrem Arzt nicht richtig diagnostiziert worden war.

Ich spazierte kurz vor Sonnenuntergang auf den Huegel hinter dem Haus, auf dem mich eine Madonnastatue aus Lourdes erwartete und lief anschliessend noch durch das Dorf. Nachher kam mir Pablo mit dem Auto entgegengefahren.

„Wir haben dich schon mit Taschenlampen gesucht!“

Sie waren mir jedoch nicht boese deswegen.

Fuer mich war es nach fast zwei Wochen bei Pablo an der Zeit, zu gehen. Ich wollte noch in einer Gemeinschaft vorbeischauen, in der es eine Wagenburg geben sollte, wie man mir in Deutschland erzaehlt hatte…