Über Heidemarie Schwermer – ein kleiner persönlicher Nachruf

Als ich gerade eben nachschauen wollte, bei welchem Verlag Heidemarie Schwermer eigentlich ihre Bücher über ihr geldloses Leben veröffentlicht hat, erreichte mich doch sehr überraschend die Nachricht von ihrem Ableben am 23. März letzten Jahres nach einer Krankheit. Erstaunlicherweise habe ich nichts davon mitbekommen. Aber ich möchte die Gelegenheit nutzen wenigstens das meiner Umwelt mitzuteilen, was mich mit ihr verbunden hat.

Zunächst einmal hat sie mich sehr beeinflußt dadurch, dass sie ohne Geld gelebt hat, denn ich hatte ihr erstes Buch „Das Sterntaler-Experiment: Mein Leben ohne Geld“ gelesen, weil ich selbst den Traum hatte, ohne Geld zu leben und sie war quasi so eine Art Vorbild für mich. Das Buch gefiel mir gut, wenn auch ich mir gewünscht hätte, mehr aus ihrem praktischen Leben ohne Geld zu erfahren. Nach dem Motto „Wie sieht das tägliche Leben aus, wenn man so lebt?“

Einmal habe ich Heidemarie in Freiburg bei einer Veranstaltung vom dortigen Tauschring live erlebt und auch das hat mich gestärkt in meinem Wunsch, einmal wenigstens eine zeitlang ohne Geld zu leben. Und es hat mir Mut gemacht und die Hoffnung wie fast schon die Gewissheit gegeben, dass auch mir dies eines Tages gelingen wird. Und es ist mir gelungen. Es ist einfach passiert. Es hat sich einfach verwirklicht so etwa fünf Jahre nachdem ich wirklich den großen Traum hatte, ohne Geld zu leben. Das war 2009. Das heisst, schon zwei Monate vorher begann ich, nichts mehr an Lebensmitteln zu kaufen, weil ich am Voreigehen an einem Laden feststellte, dass die Mülltonnen der Supermärkte voll sind und genug darin ist, um mich davon zu ernähren. Im Grunde hatte ich schon früher angefangen zu containern, aber mehr aus Spaß, nicht aus der Notwendigkeit heraus, denn ich bekam damals noch Geld. Als ich dann jedoch aus Deutschland weggegangen war und absehbar war, dass ich ab Januar 2009 kein Geld mehr bekommen würde, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Und ich brauchte gar nicht groß zu denken, es passierte einfach alles so, dass ich erfuhr wo es kostenlos etwas zu essen gab (entweder bei Vereinen, die in Frankreich Menschen ohne Zuhause etwas zu essen geben, durch containern beim Supermarkt, Bäckereien etc. oder durch Auflesen von liegengelassenem Obst und Gemüse auf dem Markt). Und dass ich Klamotten fand und auch einen Schlafplatz, wenn ich danach suchte.

Da ich nicht all mein Geld verschenkt hatte wie Heidemarie das getan hat, war meine Erfahrung eine andere, aber in vielem war es gleich: die große Freude darüber, ohne Geld zu leben, ja, ein unbeschreiblich großes Glücksgefühl, das einem dabei überkommt, dass man/frau einfach jedem wünscht, das möge allen Menschen zuteil werden. Ich kann ruhigen Gewissens und ohne den geringsten Zweifel bis heute sagen: es gibt kein größeres dauerhaftes Glücksgefühl, das ich in meinem Leben kennengelernt habe als das, ohne Geld zu leben. Das Glück ist einfach unbeschreiblich und zwar aus einem ganz einfachen Grund: es ist jeden Tag Weihnachten! Denn alles, was wir zum Leben brauchen bekommen wir – sozusagen aus dem nichts heraus – geschenkt. Es kommt einfach. Ist einfach plötzlich da. Ein Geschenk. Und das jeden Tag, den ganzen Tag lang kommt irgendetwas, das wir brauchen durch Gottes Fügung so sage ich einmal in unser Leben, zumindest wenn wir an ihn glauben. Das ist meine Erfahrung. Natürlich werden wir manchmal Schritte in die eine oder andere Richtung unternehmen wo wir wissen, dass dort etwas zu bekommen ist und wir werden uns gewisserweise um uns Kümmern und auch ein Stück weit für uns sorgen. Aber da ist eindeutig auch eine andere Macht und Kraft, die für uns sorgt, wenn wir ihr vertrauen. Mein Vagabundenblog, der damals bei myspace entstanden ist und den ich bis heute bei wordpress, wenn die letzten Jahre auch nur noch sporadisch fortführe zeugt davon, ja ist ein Zeugnis dafür, dass es einen Schöpfer gibt, der für uns sorgt. Dass es einen Schöpfer gibt, der uns liebt und uns versorgt, wenn wir in seiner Vorhersehung und im Glauben an ihn leben.

Das zweite Buch von Heidemarie Schwermer „Das Sterntalerexperiment II: Mein Weg nach innen“ habe ich mangels Zeit damals nicht ganz gelesen, als es mir jemand geliehen hat und es hat mich auch nicht so sehr beeindruckt wie das erste. Nachdem ich aus meinen Blogeinträgen aus der Zeit, in der ich das Jahr ohne Geld lebte dann ein e-book gemacht hatte, nahm ich Kontakt mit Heidemarie auf, denn ich hätte mich sehr gefreut, wenn sie mir ein Vorwort geschrieben hätte. Leider lehnte sie es ab, mein E-book auch nur zu lesen, weil sie nicht so viel am Computer arbeiten würde, was ich wirklich schade fand, denn für mich war sie so eine Art von Kollegin. Nicht nur, dass ich ein Jahr lang ohne Geld gelebt hatte wie sie es schon seit vielen Jahren tat, sondern auch, weil ich darüber geschrieben hatte und so war sie für mich eine Art Schriftstellerkollegin und ich dachte, wir müssten uns doch gegenseitig unterstützen, aber sie sah das scheinbar anders. Ich fand das äußerst schade, denn ich schätzte sie sehr und so fristete mein e-book, dem ich den Titel „Vom Leben ohne Geld: Der Vagabundenblog“ gab und das ich dann bei scribd.com veröffentlichte – wahrscheinlich zu recht – bis dato ein Undercover-Dasein. Aber: Heidemarie Schwermer hat mich mit ihrer Lebensweise bleibend beeindruckt und inspiriert, es ihr – wenn auch nur für einen begrenzten Zeitpunkt – gleichzutun. Ohne sie wäre die geldlose Welt eine andere. Und jetzt fehlt nur noch eins: eine Zukunft des Planeten ohne Geld, damit alle Menschen in den Genuss kommen und dieses große Glück dauerhaft kennenlernen dürfen. Das würde ich der Erde und all seinen Bewohnern in naher Zukunft wünschen. Und Heidemarie Schwermer hat uns allen den Weg dahin geebnet, das Vertrauen zu haben, dass solch ein Leben möglich ist. Nicht nur für sie und ein paar wenige andere Leute allein, sondern für alle Menschen. Auf französisch würde ich sie „la grande dame de la vie sans argent“ nennen, zu deutsch (es etwas weniger poetisch) „die große Dame des Lebens ohne Geld“.

 

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7 Kommentare zu “Über Heidemarie Schwermer – ein kleiner persönlicher Nachruf

  1. Es ist lobenswert, darüber nachzudenken, wie man das Geld verringern kann. Wenn man so wie du vor den vielen vollen Tonnen stehst und die vielen Lebensmittel sieht, die einfach weggeschmissen werden, kann man schon echt wütend darüber werden. Leider gilt Containern in Deutschland immer noch als illegal, ich hoffe in der Zukunft, dass die Politik das ändert. Immerhin werden die Lebensmittel ja freiwillig weggeschmissen. Für mich persönlich kommt ein Leben ohne Geld nicht in Frage, weil ich schon gerne in Kiel hier lebe und auch verantwortlich für meine Haustiere bin. Auch habe ich gerne eine Gemeinde, wo ich weiß, dass das meine Heimatgemeinde ist. Aber den Ansatz, das mal zu reduzieren finde ich gut und das werde ich für mich auch ausbauen!

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    • Es lebe die Vielfalt! Ich finde schön, dass wir nicht alle gleich sind, verschiedene Bedürfnisse haben und andere Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen dafür schätzen können, wer und was sie sind anstatt uns auseinanderdividieren zu lassen… Ich danke Dir für Deinen Kommentar.

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      • Danke für deine lieben Worte! Wahrscheinlich hätte ich auch nicht den Mut dazu, das so durchzuziehen wie du das tust. Ich hoffe nur, dass der Herr dich gut behütet und vor schlimmen Situationen schützt. Den Grundgedanken, nichts mehr zu verschwenden, finde ich jedenfalls sehr gut! Liebe Grüße Kristina

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