Schmetterlingsgruesse

Eines schoenen Tages trampte ich zu Raphael. Er freute sich ueber mein Kommen. Mir gefiel seine neue Wohnung unterm Dach. Es war sehr gemuetlich. Die Frau, mit der er vor Kurzem ein Verhaeltnis hatte, war zu ihm fuer zwei Tage zurueckgekehrt und dann verschwunden.

„Wir verstehen uns so gut auf allen Ebenen. Aber als sie weg war, wollte ich sterben. Drei Mal im Ganzen. Die Musik, die du gerade hoerst, hat mich gerettet. Ansonsten hatte ich Probleme mit einem Nachbarn, aber das hat sich jetzt gelegt. Und jetzt moechte ich aufhoeren zu rauchen. Und wegziehen moechte ich auch.“

„Das hast du mir schon ein paar Mal erzaehlt, dass du aufhoeren willst zu rauchen. Und von hier wegziehen willst du, seit ich dich kenne. Aber wenn du aufhoerst zu rauchen, mache dich darauf gefasst, dass dich erstmal eine Menge Gefuehle ueberschwemmen, die normalerweise durch das Rauchen abgeschwaecht werden. Ich habe jedes Mal, wenn ich aufgehoert habe zu rauchen, erstmal zwei bis drei Stunden geheult. Das naechste, was passiert ist, dass die Zeit unendlich lange wird. Ein Tag erscheint wie die Unendlichkeit. Das Schlimmste fuer mich war jedoch das Gefuehl der Langeweile. Obwohl ich Sachen zu tun hatte. Das Gefuehl der Langeweile in Momenten, in denen ich irgendwo warten musste war so schrecklich und gross, dass ich lieber geraucht habe, als dieses Gefuehl zu empfinden.“

„Ich werde Pflanzen einnehmen, die mir helfen. Auch die Bachblueten koennen mich dabei unterstuetzen.“

„Das ist wahr und eine gute Idee.“

Die Zeit verging wie im Flug. Am fruehen abend dumpsterten wir zusammen und danach wollte ich gehen. Es war nur noch wenig Verkehr auf der Strasse. So lief ich zurueck zu Raphael. Da er jedoch auf mein Klopfen hin nicht reagierte und seine Nachbarin im Erdgeschoss weniger freundliche Worte ins Treppenhaus rief, die in mir  Angst ausloesten, schlich ich mich davon. Ich ging zu der Englaenderin, die mehrere Zimmer zu vermieten hatte. Oben war Licht und so ging ich hinauf und traf sie mit drei Maennern, von denen ich einen kannte. Er begruesste mich freudig und umarmte mich. Die Englaenderin fragte mich, was ich wollte. Ich erklaerte ihr kurz meine Situation und sie bot mir ein Zimmer an fuer fuenfzehn Euro. Ich nahm es kurzerhand an. Der Mann, den ich kannte war verschwunden, obwohl er mich informiert hatte, dass er ebenfalls hier im Erdgeschoss wohnte. Doch am naechsten Morgen lud er mich zum Fruehstueck ein und erzaehlte mir von dem Projekt einer Gemeinschaft, das er hier gerne verwirklichen wuerde, nachdem ich ihm von meinen  Gemeinschaftserfahrungen berichtet hatte.

„Ich schreibe alles dazu auf. Im Moment jedoch mache ich eine Ausbildung, damit ich eine Struktur habe. Ich lerne auch sehr viele interessante Sachen ueber die Geschichte der Region. Deshalb muss ich leider bald aufbrechen. Aber ich habe letztes Mal schon gedacht, dass ich mich gerne mit dir unterhalten wuerde und dann warst du auf einmal nicht mehr da. Deshalb wollte ich jetzt die Gelegenheit nutzen…“

„Du warst letztes Jahr an Neujahr bei der Sylvesterfeier der erste Mensch, den ich umarmt habe. Das habe ich nicht vergessen.“

„Stimmt. Ich erinnere mich.“

Wir verabschiedeten uns. Ich kam am Markt vorbei und trampte irgendwann hoch zu Jocelyne. Wer mich mitnahm, war ihre ehemalige Nachbarin. So hoerte ich die Geschichte von der anderen Seite.

„Ich ging zur selben Frau in den Kindergarten, bei der auch Jocelynes Tochter ist. Sie ist die beste Kindergaertnerin, die man sich ueberhaupt vorstellen kann. Und Jocelyne behauptet, diese Frau wuerde ihre Tochter misshandeln. Ich kann versichern, dass dies nicht wahr ist. Das ist vollkommen ausgeschlossen. Ich kenne diese Frau seit zwoelf Jahren und es ist niemals etwas Negatives aufgefallen. Jocelyne hingegen kreiert Geschichten.“

Genau dasselbe hatte Raphael im Zusammenhang mit Jocelyne erwaehnt und gesagt, ich solle aufpassen. So kam ich zurueck. Am Anfang war Jocelyne erfreut, mich zu sehen.

„Du lebst dein Leben“, empfing sie mich, als ich ihr sagte, dass ich woanders uebernachtet hatte. Doch schon bald gab es Probleme. Ich sass am Computer, als sie mich attackierte, weil ich Kontakt mit Raphael gehabt hatte, der sich wiederum hin und wieder mit dem „Erzeuger“ ihrer letzten beiden Kinder traf, wie sie ihn bezeichnete. Und grundsaetzlich kann sie es nicht verkraften und will mit niemandem etwas zu tun haben, der mit ihm auch nur entfernt Kontakt hat. Anschliessend ging sie zu einem Termin, den sie hatte. Ich packte meine Sachen, um zu gehen.

Ich stellte mich auf die Strasse, wusste jedoch nicht einmal, in welche Richtung ich fahren wollte. Vorwaerts oder wieder zurueck. Niemand nahm mich mit. Nach einer Stunde in der Sonne gab ich auf. Genau wegen demselben Problem war ich damals ausgezogen, als ich bei ihr wohnte. Wenn ich jetzt ging, wuerde ich fluechten, wie immer. Doch ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich wollte den Konflikt irgendwie anders loesen, als davon zu laufen. Das hatte ich lange genug praktiziert. Also stellte ich meine Sachen ab und ging zum See.

Ich legte mich in den Schatten und ruhte mich aus. Ein kleiner blauer Schmetterling setzte sich auf meine Hand und krabbelte auf und ab. Ich erinnerte mich an Said, der mir in einer der letzten mails geschrieben hatte, er sende mir einen Schmetterling. Und es war fast der gleiche Platz, an dem wir im Gras gelegen hatten. Ich war entzueckt von dem Schmetterling, der sich auf meine Schuhe setzte und auf meinen Rucksack, bevor er wieder auf meine Hand kam. Auf einmal sprach mich ein Mann mit einem Strohhut an, der gerade vorbeikam.

„Gehst du spazieren?“ fragte ich ihn. „Wenn ja, wuerde ich gerne mitkommen, wenn du nichts dagegen hast.“

„Klar, komm mit. Ich bin Jacques und du?“

„Michelle.“

Er wohnte in einem der Weiler zwei Kilometer entfernt und hatte noch nie ein Auto besessen. Es hielt gleich ein Wagen an, um uns mitzunehmen. Er lud mich ein, bei ihm zu uebernachten.

„Du hast ein eigenes Zimmer.“

Wir assen im Garten zu abend. Ich wollte nicht einmal mehr zu Jocelyne zurueckgehen, um meine Sachen zu holen. Es ging auch so. Er hatte kein Internet, dafuer jedoch Fernseher und Radio. Er trank keinen Alkohol und rauchte lediglich Zigaretten.

Bevor ich ins Bett ging, schaute ich interessehalber noch, ob ich ins Internet gehen koenne mit meinem ipad und siehe da, ich hatte Glueck: ich empfing genau den Anbieter, zu dem ich das Passwort hatte – Huchuu. So konnte ich eine Mail von dem Hollaender empfangen, die sehr positiv war und in der er mich einlud, zu der Permakulturfarm zum wwoofen zu gehen, bei der er fuer ein paar Tage untergekommen war. Vier Stunden taegliche Mithilfe gegen freie Kost und Logis. Sie wuerden Leute brauchen. Und ich erfuhr, dass er vorhatte, erst am Freitag zurueck zu kommen. Ich teilte ihm die Schwierigkeiten mit, die ich mit Jocelyne hatte. Er sah vor, zwischen eins und sechs Uhr nachmittags da zu sein. Ich war nicht sehr erfreut darueber, einen weiteren Tag auf ihn warten zu duerfen, aber ich beruhigte mich damit, mir zu sagen, dass es wohl fuer irgendetwas gut ist. Und mein Gastgeber hatte mich ja fuer zwei Tage eingeladen.

Da ich entgegen meiner urspruenglichen Absicht kein Schreibheft gekauft hatte und mein altes Heft nahezu voll war, ueberlegte ich, was ich stattdessen tun koennte. Vielleicht meine Aufzeichnungen statt in ein Heft direkt aufs ipad schreiben. Und so legte ich erstmals los. Denn sonst hatte ich erstmal alles in ein Heft geschrieben und dann muehsam abgetippt an irgendeinem Computer, den ich irgendwo benutzen konnte. Noch dazu musste ich die Hefte dann irgendwo zuruecklassen und oft waren auch andere Informationen sowie Adressen darin, auf die ich dann nicht mehr zugreifen konnte.

So setzte ich mich in den Garten und schrieb drauflos. Und erstaunlicherweise ging es gar nicht so schlecht. Nach einer Runde, die ich drehte und dem Abendessen, wollte ich weiter meine Adressen aufschreiben, die ich mir auf Zetteln notiert hatte und war nicht so ganz bei der Sache, als mich mein Gastgeber fragte, ob ich nicht einmal vorhatte, eine Familie zu gruenden. Noch dazu war es mein wunder Punkt.

„Reden wir nicht darueber“, fing ich an.

„Wieso?“

„Weil mein Versuch, eine Familie zu gruenden klaeglich gescheitert ist. Weil…“

Er bekam eine Krise, weil ich nicht nett genug geantwortet hatte. Ich glaube, der eigentliche Grund seines Missmutes war jedoch, dass ich mich mit meinem ipad beschaeftigt hatte, waehrend er mit mir redete. Er sagte glatt:

„Das ist hier kein Hotel.“

Genau das hatten mir meine Elten auch immer gesagt. Ich war dann sehr freundlich zu ihm und entschuldigte mich fuer meine etwas brueske Antwort, woraufhin er sich bruhigte..

Ich schlief zwei Naechte bei ihm und als ich sicher war, dass der Hollaender zurueckgekommen war, ging ich wieder zu Jocelyne. Ich wusste, er wuerde unseren Konflikt loesen koennen und dem war auch so. Er war einfach genial. Erst wollte ich mit ihm weiterreisen, aber es fuehlte sich nicht richtig an. So trampte ich nur bis zum naechsten Ort und dann wieder zurueck. Schon als ich in das Auto einstieg, das anhielt, bedeutete mir die Fahrerin, dass ihr Beifahrer nur deutsch und kein Franzoesisch oder Englisch spreche.

„Wir haben keine gemeinsame Sprache. Wir nehmen ein Uebersetzungsprogramm zu Hilfe.“

Sie zeigte mir einen kleinen Apparat.

„Aber die beiden Sprachen sind so verschieden, auch in der Satzstellung und die Uebersetzung ist manchmal so schlecht, dass der andere es nicht versteht.“

„Wenn Sie wollen, kann ich uebersetzen. Was moechten Sie ihm denn gerne sagen?“

„Dass ich muede bin! Mit dem ganzen Uebersetzen und allem.“

Sie wollten genau zu dem Ort, an den ich auch wollte, um die Burg zu besuchen. Sie luden mich dazu ein und ich uebersetzte, was sie sich sagen wollten, obwohl sie fast alles schon voneinander wussten.

„Wir haben uns in Tunesien bei einer archaeologischen Ausgrabung kennengelernt,“ erzaehlte sie mir.

„Und uns dann in Frankreich wieder getroffen. Dann bin ich nach Deutschland zu ihm gefahren, aber es hat mir bei ihm ueberhaupt nicht gefallen. Es war mir viel zu sauber und ordentlich. Und ueberall hingen Fotos von verstorbenen Familienmitgliedern. Damals habe ich mir schon gesagt, dass es nicht geht mit uns, aber ich wollte es trotzdem nochmal probieren. Schauen Sie ihn sich an. Er ist ein schoener Mann. Aber ich habe Jahre lang fuenf Maenner versorgt, denn ich habe vier Soehne und jetzt habe ich keine Lust mehr, einen Mann zu versorgen. Ich kann auch ohne leben und moechte mein Leben nun geniessen. Ich bin 69 Jahre alt und er ist siebzig.“

Ihm gefiel es umgekehrt nicht an dem Ort in den Bergen, an dem sie wohnte. Sie meinte, er haette keine Interessen, er jedoch, sie haetten viele Dinge gemein. Sie liebten sich offenbar, aber viele Dinge waren zu schwierig. Wir redeten und redeten und setzten uns am Ende noch in ein Cafe, bevor sie sich bedankend bei mir verabschiedeten.

Ich ging dann noch spazieren und fand beim Blick in eine Muelltonne zwei Tueten voll mit Essen: verschiedene Sorten Kaese, mehrere Brote und diverse andere Lebensmittel. Schwer beladen ging ich zurueck zu Jocelyne. Sie erwartete jedoch Besuch von einem Bekannten, der eigentlich schon am nachmittag kommen wollte, aber noch nicht da war. Und sie hatte schon vorher angekuendigt, dass sie mit ihm alleine sein wollte, weswegen ich auch weggegangen war. So zog ich wieder von dannen ohne mich auf weitere Diskussionen einzulassen. Ich versteckte all meine Sachen und ging zu einem Fest am Dorfplatz. Ich stand erst eine Weile am Rande bis ich mich an einen der Tische setzte. Nach einer Weile gesellten sich andere Menschen zu mir, darunter auch eine Frau, die ich kannte. Wir tanzten. Eine Weile spaeter setzte sich ein Mann zu mir, der in dem Ort wohnte, in dem ich eineinhalb Jahre gelebt hatte.

„Heute gibt es dort Techno und Wave-Musik bis vier Uhr morgens. Da ist es unmoeglich zu schlafen. Deshalb kam ich hierher. Ich werde in meinem Auto schlafen.“

„Da koennen wir vielleicht zusammen uebernachten. Ich habe naemlich heute auch keinen Ort zum Schlafen.“

„Echt?“

Mir war es zwar nicht moeglich, im Auto einzuschlafen, aber um vier Uhr fuhr er dann zu sich nach Hause und nahm mich mit. Er wohnte erst seit drei Monaten in meinem ehemaligen Heimatort und ich hatte sogar ein eigenes Zimmer zur Verfuegung.

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