Endlich in Spanien

Schliesslich trampte ich weiter. Mich nahm gleich ein Tunesier mit. Danach wartete ich etwas länger bis mich eine Spanierin aufgabelte. Sie hatte drei kleine Kinder auf der Rückbank sitzen, die sie betreute. Sie lud mich gleich zu einem fürstlichen Frühstück ein, mit Tee, Toast, Butter und Marmelade! Dabei erfuhr ich, dass sie den Zweijährigen schon beigebracht hatte, sich ganz ruhig miteinander zu beschäftigen und zu spielen. Ich war baff, dass ich all die Zeit, die ich dort war, kein einziges Geschrei hörte.

Als ich weiterfuhr, gelangte ich in eine kleine Stadt, in der ich mir die Kirche aus dem 12. Jahrhundert anschaute. Ein junger Pfarrer kam mir durch die Bänke entgegen und gab mir die Hand. Wir begannen, uns zu unterhalten. Er lächelte immer wieder, wenn er über Gott sprach. „Gott ist Liebe“, sagte er. „Wir Pfarrer in Frankreich verdienen wenig, nur 500 bis 600 Euro, aber das reicht schon.“

„Ich finde es gut wie das System hier ist, denn in anderen Ländern verdienen Pfarrer recht viel und somit ist es oft das Auskommen, das sie dazu bewegt, Pfarrer zu werden. Hier ist es wirklich der Glaube.“

„Ich bereite mich jetzt schon auf nächsten Sonntag auf die Messe vor. Um zu verinnerlichen worum es geht. “

„Ich kann ihnen das Evangelium von Maria Magdalena empfehlen,“ warf ich ein.

„Ja, es gibt viele Evangelien, auch von Thomas, von Philippus…“.

„Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen daraus vorlesen.“

„O.k.“

„Aber hier in der Kirche ist es etwas schattig.“ Es war schlicht und einfach zu kalt.

„Gehen wir raus“.

Wir setzten uns vor das Pfarramt und ich las ihm das Marienevangelium (http://indernachfolge.wordpress.com/2012/06/23/der-evangelium-der-maria-magdalena-von-jean-yves-leloup/) von vorne bis hinten vor, das ich in einer Kopie dabei hatte. Danach lud er mich zu Tee und Keksen ins Pfarrammt ein und zitierte mir sogar Sachen, die ich ihm gerade vorgelesen hatte. Er war ein Phänomen.

„Was mich immer erstaunt: in der Kirche sieht man immer nur alte Leute ausser in grösseren Städten vielleicht noch Studenten in der Studentengemeinde,“ liess ich verlauten.

„Wir haben zwei Generationen verloren. Und wenn die Kinder nicht die Basis vermittelt bekommen, wird es für uns später schwierig. Aber wir haben einige Menschen, die sich als Erwachsene taufen lassen.“ Er machte ein Gesicht, als wäre er sehr betrübt darüber.

„Ich finde das gut so. Es ist für mich so, wie es sein sollte. Die ersten Christen haben sich auch als Erwachsene taufen lassen. Sie haben sich aus freien Stücken dazu entschieden. Jesus wurde auch erst mit dreissig getauft. “

Er sprach dann sogar von den indischen Veden, die er offenbar kannte; ein wirklich erstaunlicher Pfarrer. Irgendwann kam dann jedoch die Zeit zu gehen und ich trampte weiter. In einem Dorf, in dem man mich absetzte kamen dunkle Wolken auf und ich entschied, zu bleiben. Ein älterer Herr in einem schicken Auto sprach mich auf dem Dorfplatz an. Ich erzählte von meinem Leben, dass ich heute schon zum Frühstück und zum Tee eingeladen wurde, dass ich 2009 ein Jahr lang ohne Geld lebte und jetzt mit ziemlich wenig. Er war ganz begeistert von allem. Danach sah ich wie jemand sein Wohnmobil milimetergenau vor seinem Haus parkte und sprach ihn an.

„Ich habe auch einen Campingbus. Ich lebe darin. Aber jetzt bin ich ohne unterwegs.“

„Und wo schläfst du heute?“

„Weiss ich nicht.“

„Du kannst bei mir schlafen. Meine Kinder sind nicht da. Komm rein. Ich habe noch ein paar Dinge zu tun. Fühl dich wie zuhause.  Mein Wohnmobil parke ich so nah am Tor damit mein Hund nicht rausspringt. Er springt nämlich jetzt über das Tor.“

Er war derjenige, der sich um die Grünflächen kümmert, deren Schönheit mir gleich aufgefallen war. Er machte uns was Leckeres zu Essen und ich hatte ein ganzes Kinderzimmer für mich alleine. Ins Internet durfte ich auch noch. Am nächsten Tag ging er auf die Arbeit und lud mich ein, noch länger zu bleiben, wenn ich gerne wollte und wenn nicht, einfach die Tür zuzumachen, wenn ich gehe. Was für ein Vertrauen! Ich entschied mich, zu gehen und hatte unglaubliches Glück: an dem Dorfplatz in dem winzigen Örtchen fuhren die ersten, die anhielten bis nach Spanien, genau dahin, wo ich eine Gemeinschaft von Leuten kannte! Ich konnte es kaum glauben, denn es war noch eine ganz schön lange Strecke.

Als ich bei der Gemeinschaft ankam, winkte mir einer der Älteren mit den Worten „I know you“ entgegen. „Immer noch auf dem gleichen Weg?“ schob er hinterher, nachdem er fertig telefoniert hatte.

„So you are homeless?“ sagte er tatsächlich, nachdem ich ihm von meinem Campingbus erzählt hatte. (Wo man genau das doch niemals einen Menschen ohne Zuhause fragen sollte).

„No, I’m homeful because I’m everywhere at home.“

Dann kam glücklicherweise Sarah, die ich gerne mochte und wir unterhielten uns den ganzen Abend. Aber mit ihnen oben im Zimmer schlafen wollte ich doch nicht. Es schliefen schon zwei Frauen darin und war mir eine Nummer zu heimelich. Aber auch im Zelt schlief ich nicht sehr gut. Am nächsten Tag sprach ich sie darauf an, dass ich mich wundere, dass sie ab und zu Fleisch essen. Was sie darauf antwortete, traf mich in Mark und Bein: „Man muss bei sich selbst anfangen…“

Immer, wenn ich irgendwas zu irgendwem sagte, was ich mich früher nie zu sagen getraut hätte, kam diese Antwort. Nicht sehr motivierend. Ich half in der Küche und beim Mandelmahlen, aber es kam gleich der Boss und meinte, es müsse schnell gehen, sie hätten es eilig. So verlagerte ich mich auf’s Geschirr spülen und sauber machen, denn unter Druck und Stress blockiere ich vollkommen. Wenn sie es eilig haben, dann mache ich lieber was anderes… Ich bin einfach nicht von der schnellen Sorte. Am nachmittag spazierte ich bei herrlichem Wetter durch die phantastisch schöne Gegend und am Abend hatte ich ein gutes Gespräch mit einer anderen Deutschen. Sie sagte: „Bei uns geht es darum, sich selbst ganz hinzugeben, seine Individualität ganz aufzugeben.“

Hm, klang ganz schön schwer. Sarah lud mich ein, dazubleiben. „Du musst nur bei unseren Treffen dabei sein. Die sind um sechs Uhr morgens und um sechs Uhr abends.“ Um fünf Uhr aufzustehen konnte ich mir allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen. Und so ging ich nach zwei Nächten wieder. Die zweite Nacht schlief ich übrigens auf der Couch. Als Entschuldigung meinte ich, es wäre nach dem Gespräch schon so spät gewesen und idass ich keine der andern aufwecken wollte. Insgesamt gedachte ich, lieber ein wenig auf dem Jakobsweg zu laufen. Sarah meinte zum Abschied: „Du kannst immer wiederkommen, auch wenn Du Not im Herzen hast und nicht unbedingt wegen der Gemeinschaft.“ Und ein Israeli, der mich auch schon von früher kannte, lud mich ein, zu ihrem nahegelegenen Ableger zu kommen. „Wenn Du länger bleiben und mitarbeiten willst…“

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