Von gefallenen Engeln und frisch geborenen Babys

Anderntags traf ich Alex, wie er auf einer Bank auf dem Platz sass und ein Baguette mit Fisch aus der Dose ass.

„Hi Alex. Du, ich habe ein Sweatshirt abzugeben und da habe ich an dich gedacht.“

Er winkte dankend ab.

„Klamotten habe ich genug. Das ist nicht das, was mir fehlt. Ich vertrage Autofahren nicht mehr. Ich mag einfach nicht mehr mit einem Auto fahren.“

„Ach, das ging mir auch eine zeitlang so, da wollte ich mich in kein Auto mehr setzen. Das dauerte eine ganze Weile an, dann hat sich diese Abneigung wieder verfluechtigt.“

„Und Haeuser. Ich kann einfach nicht mehr in einem Haus sein. Ich habe frueher lange in einem Tipi gewohnt. Zwanzig Jahre. Und war frueher viel in den Bergen. Und jetzt?“

„Aber es gibt doch ein Tipi-Dorf an der Quelle des Sturzbaches.“

„Ich weiss. Ich habe oefters daran gedacht, aber ich habe den richtigen Augenblick verpasst und jetzt ist zu spaet. Auch das habe ich verpasst.“

„Manchmal duerfen wir nicht so viel denken, sondern muessen einfach handeln, sonst verpassen wir die Gelegenheiten. Sowieso ist es wichtig, sine Gedanken zu beherrschen. Das muessen wir einfach lernen.“

„Und meine Freundin ist auf den Kanarischen Inseln in einem Haus ohne Licht, das feucht ist. Ueberhaupt Beziehung. Ich habe das Gefuehl, mir sind meine Fluegel gebrochen. Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll.“

Er wirkte aeusserst bedrueckt.

„Wir Menschen sind alle gefallene Engel. Entscheidend ist bloss, immer wieder aufzustehen. Wie ein Kind, wenn es Laufen lernt. Es faellt und steht wieder auf. So ist es auch fuer uns wichtig, immer wieder aufzustehen und sich den Staub abzuschuetteln. Und die Fluegel wachsen vielleicht irgendwann mal wieder an.“

Er lachte.

„Vielleicht.“

Am naechsten Tag traf ich ihn zusammen mit Raphael auf dem Platz.

„Und wie geht es dir?“ fragte ihn Raphael.

„Im Kopf geht es gar nicht. Aber ich wollte dir nur sagen, die Geschichte, dass ich meiner Freundin das Handgelenk gebrochen habe, stimmt ueberhaupt nicht. Niemals habe ich gegen eine Frau die Hand erhoben. Gegen einen Mann uebrigens auch nicht. Sie ist aus dem Haus gegangen und dreissig Sekunden spaeter ist sie hingefallen und hat sich die Hand gebrochen. Ich war nicht einmal dabei.“

„Deine Freundin hat es mir aber anders erzaehlt. Es war das, was sie mir erzaehlt hat.“

„Das stimmt nicht. Ich habe nie gegen eine Frau die Hand erhoben. Das wollte ich dir nur sagen.“

 Er verabschiedete sich. Beim Voruebergehen sah ich Henry in der Bar.

„Ich trinke gerade ein Glas Wein“, sagte er. „Normal trinke ich Wasser. Ich trinke viel Wasser. Ich kaufe eine Falsche fuer einen Euro. Normal sollte Wasser kostenlos sein. Ein paar Doerfer weiter gibt es gutes Wasser aus dem Wasserhahn.“

So fuhr ich am naechsten Tag mit dem Fahrrad das von ihm genannte Dorf. Der Weg war viel kuerzer als ich dachte. Zuerst sah ich im Dorf keine Menschenseele. Dann kam ein Junge auf einem Roller vorbei.

„Entschuldige, ich suche nach einem Wasserhahn.“

„Da drueben beim Spielplatz ist einer, aber ich glaube, im Winter funktioniert er nicht.“

Er funktionierte tatsaechlich nicht. Dann kam der Typ mit einer Schubkarre vorbei, den ich letzthin mitgenommen hatte.

„Hallo, wie geht’s?“

„Na, so la la und dir?“

“Ebenso. Ich bin gerade auf der Suche nach einem Wasserhahn. Man hat mir erzaehlt, hier gaebe es gutes Wasser.“

„Keine Ahnung, aber ich kann dir Wasser geben. Oder du gehst auf den Friedhof, aber das wuerde ich nicht tun.“

„O.k., dann nehme ich dein Angebot an.“

Er fuehrte mich zu einem Haus, das eine einzige Baustelle war.

„Whow, du bist alles am Isolieren.“

„Ja, zum Teil, aber sie wollten schon, dass ich aufhoere.“

„Auf jeden Fall bist du noch in Freiheit.“

„Nicht wirklich. Am besten, man ist ausserhalb des Systems.“

„Das sehe ich auch so.“

Er fuellte meine Flaschen auf.

„Ich glaube, ich gehe, bevor es dunkel wird.“

„Ja, das ist besser. Bis demnaechst.“

Als ich auf dem Campingplatz ankam, merkte ich, dass ich meinen Schluesselbund verloren hatte. Mit den Schluesseln der beiden Busse und von Raphaels Wohnung. Ich lief die Strassen im Dorf entlang, die ich gekommen war. Nichts. Ich klopfte bei Raphael, aber er machte nicht auf. Um die Ecke traf ich David, der gerade am Einparken war.

„Hallo David, ich habe meinen Schluesselbund verloren.“

„Wann?“

„Gerade eben. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und als ich zurueckkam, merkte ich, dass mir mein Schluesselbund aus der Tasche gefallen ist. Und dabei dachte ich vorher, das ist gefaehrlich mit dem Schluessel in der Tasche, die sich nicht schliessen laesst…“

„Willst du, dass ich den Weg mit dir abfahre?“

„Ja, gerne. Es sind alle wichtigen Schluessel an dem Bund.“

„Hast du eine Ahnung, wo du ihn verloren haben koenntest?“

„Vielleicht beim Pipi machen. Das war ein Stueck hinter dem naechsten Dorf.“

„O.k., fahren wir hin.“

„Es waren irgendwie zwei Pfosten nebeneinander, an denen ich mein Fahrrad abgestellt habe. Ein Strommast und ein Schild glaube ich.“

„Und wenn du den Schluessel auf der Strasse verloren hast, dann leuchtet er im Dunkeln. Ausser es hat ihn jemand mitgenommen. Dann gibt er ihn vielleicht irgendwann auf dem Rathaus ab.“

Wir fuhren langsam die Strasse ab bis zum ersten Schild neben einem Strommast.

„Brauchst du eine Taschenlampe?“

„Nein, ich habe meine Solartaschenlampe.“

Nichts. Bei einem Strommast mit einem Kasten daran auch nichts. Schliesslich fanden wir eine dritte Moeglichkeit. Ich leuchtete mit der Taschenlampe die Umgebung ab und wurde sofort fuendig.

„Huhuu, hier ist er.“

Ich wedelte wild mit dem Schluesselbund herum.

„Und das im Dunkeln. Zum Glueck habe ich nicht irgendeinen Strommast gewaehlt, sondern einen Besonderen. Sonst haetten wir lange suchen koennen. Und ich glaube, es war gut, dass Raphael nicht da war. Ich weiss nicht, wie er die Sache aufgenommen haette. Es waren fast alles seine Schluessel.“

„Ich bin auch froh, dass du ihn gefunden hast.“

„Dank dir und deiner Hilfe.“

„Es war mir ein Vergnuegen. Fahren wir noch zum Dumpstern am Bio-Laden vorbei? Ich war heute vielleicht vier Mal am Supermarkt, aber es gab absolut nichts.“

„Gute Idee. Ich bin die letzte Zeit fast jeden Tag dorthin gefahren. Ich bin scharf auf das Brot. Aber sie werfen es nicht an einem bestimmten Tag weg, sondern irgendwann zwischen Samstag und Mittwoch. Und so muss ich oefters hinfahren. Aber ich merke, es tut mir nicht wirklich gut, immer im Dunkeln mit dem Fahrrad herumzufahren.“

Wir fanden aber nur drei Packungen Babybrei.

„Ah, die esse ich,“ begeisterte sich David.

„Und hier ist ein kleines Flaeschchen Spuelmittel. Genau so eines wollte ich wieder haben. Eines haben sie mir naemlich geklaut.“

„Na, dann sind wir wenigstens nicht umsonst gefahren.“

Einmal wollte ich eigentlich nur eine Tour ins Nachbardorf machen. Als ich jedoch dort ankam und es noch mehr als zwei Stunden hell war, entschloss ich mich kurzerhand, zu versuchen, zu Jocelyne zu trampen. Der erste, der anhielt, fuhr genau dorthin. Ich kannte ihre neue Wohnung noch nicht und so fragte ich in der Strasse, die sie mir genannt hatte, nach einer frisch zugezogenen Frau mit einem Baby.

„Dort im ersten Haus ist eine Frau mit einem Baby.“

Richtig, ich fand ihren Namen auf der Klingel.

„Oh, wie schoen, dich zu sehen!“ empfing sie mich.

„Ja, endlich habe ich es geschafft, aus meinem Dorf herauszukommen und dich zu besuchen.“

„Ich weiss wie schwer es ist, sich von dort zu entfernen. Ich habe lange genug dort gewohnt. Schau, das ist mein neues Zuhause.“

Ich trat in einen riesigen Wohnraum mit integrierter Kueche.

„Whow, das ist ja superschoen und so geraeumig!“

„Und es kostet nur 13 Euro mehr wie ich vorher bezahlt habe. Ich heize nur mit Holz, wie frueher.“

In einem Ofen mit einem Fenster zum Reinschauen brannte ein Feuer.

„Schau, das ist Sarah. Sie ist nun zwei Wochen alt. Sie kam einen Monat zu frueh.“

„Oh, ist sie suess. Und sie hat so viele und so lange Haare.“

Jocelyne nahm Sarah vom Sofa und legte sie mir auf den Arm.

„Es ging alles gut mit der Entbindung. Sie hatte 2,9 Kilo. Jetzt hat sie schon zugenommen. Der Vater ist wieder am Abend vor der Geburt abgehauen. Wie letztes Mal. Zum Glueck war ein alter Bekannter da, den ich lange nicht mehr gesehen habe. Er hat mich ins Krankenhaus gefahren. Diesmal ein anderes. Dort waren sie total nett. Das letzte Mal waren sie es, die mir meine Kinder weggenommen haben. Vier Tage blieb ich dort. Ich rauche jetzt nur noch ganz wenig und nur noch auf der Toilette oder draussen auf dem Gang. Willst du oben die Zimmer sehen? Du hast die Auswahl, wo du schlafen willst. Und du kannst ein Bad nehmen. Ich habe eine Badewanne.“

„Oh ja. Aber erst mal mache ich noch einen Spaziergang. Ich kann die Hunde mitnehmen.“

„Nimm nur einen, wenn sie zusammen sind, jagen sie zu sehr.“

So drehte ich eine Runde um den nahegelegenen See.

„Es ist hier wie im Urlaub“, meinte sie, als ich zurueckkam.

„Wie im Urlaub. So fuehle ich mich auch. Ich war gestern auf dem Markt, um Sachen zu holen und danach noch im Solidaritaetsladen. Aber ich musste lange warten und sie gaben mir nur ganz wenig, weil ich nicht eingeschrieben bin. Das Ganze hat sich nicht gelohnt: Und ich fuehle mich nun schlagkaputt.“

„Ich mache uns mal was zu Essen. Was willst du Essen: Nudeln mit Tomatensosse, Kartoffeln oder Linsen?“

„Nudeln mit Tomatensosse.“

Ruckzuck stand das Gericht auf dem Tisch.

„Ich werde ja richtig verwoehnt.“

„Ja, es gibt sogar noch einen Nachtisch, schau mal im Kuehlschrank nach. Paulo hat ihn mir gekauft. Frueher ass ich gar keinen Nachtisch, aber im Krankenhaus nach der Geburt gaben sie mir drei Nachtische. So habe ich mich daran gewoehnt. Die Nachbarn hier sind auch total nett. Nebenan haben sie auch gerade ein Kind bekommen. Es ist zwei Wochen aelter als Sarah. Und wo willst du schlafen? Hier unten oder oben in einem der Zimmer?“

„Ich glaube im Kinderzimmer.“

„Da hat der Bekannte von mir auch geschlafen. Ich gebe dir neue Bettwaesche. Das heisst, ich schau mal, ob ich noch ein Kissen und einen Kissenbezug habe. Ich bin nicht gerade reich an Kissen und Kissenbezuegen. Ich bin an ueberhaupt nichts reich.“

„Doch, an Kindern.“

„Ja, an Kindern, die nicht bei mir sind.“

Den naechsten Tag nutzte ich zum Ausruhen bevor ich mich auf den Heimweg machte. Da die Sonne schien, entschloss ich mich kurzerhand, den groessten Teil des Weges zu Fuss zurueckzulegen. Es war eine Wohltat, durch die Huegellandschaft zu gehen.

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